Einfach mal abtauchen! Apnoe-Tauchen mit der Rekordtaucherin Anna von Boetticher

Sich bewegen wie ein Fisch, sich treiben lassen, schwerelos durch die Unterwasserweit gleiten, abtauchen in eine andere Welt: eine Welt voller Geheimnisse, eine Welt mit eigenen Geräuschen. Wer dem Rauschen der Meere lauschen möchte und sehen will wo der Doktorfisch schlafen geht, muss sich mit einer Tauchausrüstung bekleiden, um in diese Welt zu gelangen. Blöd! Irgendwie stören doch genau diese Gerätschaften, die auf der einen Seite unser Überleben Unterwasser garantieren, auf der anderen Seite blubbernde Geräusche liefern und somit die natürliche Unterwasserakustik beeinflussen. Nun es gibt eine Möglichkeit sich völlig frei von technischen Geräten in den Bann der Unterwasserwelt ziehen zu lassen: Apnoe-Tauchen.

Apnoe was?

Beim Apnoe-Tauchen taucht man mit seiner eigenen Atemluft. So atmet man vor dem Abtauchen ein und benutzt nur diese Luft als Luftvorrat. Atmen ist ein angeborener Reflex, diesen es zu überwinden gilt und dazu gehört mehr als mal eben die Luft anzuhalten. Perlentaucher beherrschen eine Technik die es Ihnen ermöglicht, mit nur einem Atem lange nach den begehrten Muscheln zu tauchen. Mittlerweile ist dieses freie Tauchen eine international anerkannte Sportart. Mehrere Nationen treten jährlich in mehreren Disziplinen im Freitauchen gegeneinander an. Wir haben die 27-fache deutsche Rekordhalterin in Apnoe-Tauchen Anna von Boetticher zu einem Interview getroffen und sind anschließen mit ihr ins Tauchbecken zu unseren ersten Apnoe-Übungen gestiegen.

Wie ist sie auf das Apnoe-Tauchen gekommen?

Schon im ersten Gespräch sind wir völlig fasziniert von Anna von Boetticher. Vor uns sitzt sie, völlig entspannt, total aufgeräumt und witzig. Es fällt nicht schwer mit ihr ins Gespräch zu kommen, ihr zu lauschen. Sie ist einer jener Menschen denen man gern zu hört. Bereits als Kind war sie von der Unterwasserwelt angezogen und probierte eigenständig die Luft so lange wie möglich anzuhalten. Im Nachgang sagt sie, sei es das Gefährlichste was man in diesem Sport machen kann: unbeaufsichtigt Abtauchen. Dabei passieren die meisten Unfälle, weil niemand in einem kritischen Moment eingreifen kann! Aha, wir lernen: don’t do this alone!

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Tipps von Rekordtaucherin Anna von Boetticher. © Torsten Goltz Photography / katrin-lars.net

Angefangen hat sie mit Gerätetauchen, sprich mit Sauerstoffflaschen, darin ist sie auch als Tauchlehrerin ausgebildet und gibt Tauchkurse. Ein Teil ihrer Kurse beinhalten natürlich das Thema Sicherheit und wie man sich in einem Notfall verhält. Sie wollte wissen, was passiert mit mir und meinem Körper, wenn bei einem Tauchgang mal etwas schief geht. Dieser Ursprungsgedanke brachte sie dem Apnoe-Tauchen näher. Sie lernte die Signale des Körpers zu deuten und entsprechend kontrolliert einzusetzen, ihren Atemreflex zu steuern und Ruhe zu bewahren, nicht in Panik auszubrechen, wenn der Atemreflex einsetzt. Fasziniert von den neuen Kenntnissen und der Möglichkeit die Grenzen noch weiter auszuloten, entflammte die Leidenschaft für das Apnoetauchen in verschiedenen Disziplinen.

Aber was ist so faszinierend daran, an einem Tauchschlitten mit Gewichten in die Tiefe gerissen zu werden?

Der Moment, wenn du mit dem Schlitten in 110 m Tiefe angekommen bist und die Augen öffnest: die Farben des Wassers, das Rauschen der Tiefe und das Spüren des eigenen Körpers, einfach traumhaft. Bei freiem Tauchen sind es die fließenden Bewegungen, das Eins sein mit dem Element ohne jegliche technische Bindung.

Sie bietet uns einen kleinen exklusiven Schnupperkurs mir ihr an und wir willigen, von Neugier gepackt, sofort ein. In der Tauchzentrale Berlin stehen wir bereit! Im Gepäck hat Katrin ihren schicken silbergrauen Bikini von Pax. Anna meinte das Wasser hätte eine Temperatur von 28 Grad, da will Frau natürlich das schicke Ding gleich einweihen. Und wir haben unseren Fotografen, Torsten Goltz im Schlepptau – denn Tauchen, Luft anhalten, elegant aussehen und die Kamera gleichzeitig bedienen übersteigt dann doch ein wenig unsere Fähigkeiten. 😂 Bevor wir kollektiv die Luft anhalten, erklärt sie uns einige Verhaltensregeln und was mit unserem Körper in den ersten Momenten des aktiven Nicht-Atmens passiert. Sie überreicht uns Neoprenanzüge und wir fragen wozu?! Anna lächelt und sagt, wenn wir 5 min regungslos im Wasser liegen, sind 28 Grad verdammt kalt. Damit der Körper nicht auskühlt dienen sie als Sicherheitsmaßnahme. Muskeln die sich nicht bewegen ziehen sich zusammen und kühlen schneller aus. Also quetschen wir uns in die Anzüge und hüpfen in den Pool. Unser erstes Apnoe-Training kann losgehen.

Schrittweises Lernen ist unabdingbar!

Anna erklärt, dass es unterschiedliche Lernphasen gibt. Als Anfänger müssen wir erst einmal die bewusste Atmung und den entspannten Umgang mit dem Atemreiz lernen. In der ersten Phase atmen wir ruhig ein und wieder aus und versuchen so eine gleichmäßige Atmung aufzubauen – natürlich über Wasser! 😋 In der zweiten, atmen wir entspannt aus und legen uns dann mit dem Gesicht ins Wasser. Dabei liegen wir flach auf dem Bauch und sollen uns zur Stabilisierung am Beckenrand festhalten. Man muss schon sagen, allein nur sein Gesicht ruhig Unterwasser zu halten bedarf nach ein paar Sekunden wirklicher Disziplin. So hat man immer das Gefühl sich aus dieser Position befreien und den Kopf hochziehen zu wollen. Jedoch strahlt Anna eine enorme Ruhe aus, wodurch es uns nicht schwer fällt ihren Anweisungen zu folgen. Die Phase drei wird dann schon etwas schwieriger! Dem natürlichen Atemreflex widerstehen zu wollen setzt recht schnell nach dem Abtauchen ein. Wir spüren wie wir anfangen zu “schlucken”, wie Wellen des Widerstandes durch den Körper sausen und wir den Kopf aus dem Wasser heben wollen. Anna kennt diese Zeichen sehr genau und signalisiert uns, dass wir auftauchen sollen. Der sogenannte Tauchrefelx ist ein Schutzmechanismus des Körpers, den alle Säugetiere haben. Hier kommt die Atmung zum Stillstand und der Puls verlangsamt sich. Um nur noch die lebenswichtigen Organe zu versorgen wird das Blut aus Armen und Beinen abgezogen. Dies ist aber nichts schlimmes! Genau hier beginnt dann das eigentliche Training in Phase vier, nämlich diesem Atemreflex zu widerstehen und dem Körper klar zu machen, das dieser auch eine „Ewigkeit“ ohne Luft auskommt. So kann Anna mit nur einem Atemzug 130m tief tauchen und dort 6 Minuten aushalten! Unfassbar! Netterweise gönnt uns Anna nach unseren ersten Freitauch-Übungen eine kurze Entspannungsphase, um den Tauchgang zu wiederholen. Schlagartig sind wir auch über die Neoprenanzüge dankbar – 28 Grad können wirklich verdammt kalt sein. Nun starten wir mit Phase vier. Diesmal bleiben wir schon etwas länger unter Wasser und spüren, wie sich das Zwerchfell zusammen zieht und wir anfangen zu zucken. Wir tauchen auf und es ist ein befreiendes Gefühl zu atmen. Mit sanften ein- und ausatmen entspannen wir wieder und bereiten uns mental auf den nächsten Tauchgang vor. Dieses Mal wollen wir noch länger untertauchen und versuchen den Signalen des Körpers zu lauschen und zu widerstehen. Anna zeigt uns auch, wie wir unter gegenseitiger Beobachtung Anzeichen eines beginnenden Sauerstoffmangels erkennen können. Wir tauchen ab und in der Tat setzt der Zwang des Auftauchens nach ein paar Anläufen immer später ein. Wir „liegen“ unter Wasser und lauschen dem Hall unserer Herzen, haben sogar den Beckenrand losgelassen und uns nach unten treiben lassen. Irgendwie ist es nicht mehr anstrengend. Wir fühlen uns gut und entspannt. Die Zuckungen der Muskeln haben aufgehört. Kein Schlucken, keine Kontraktion des Zwerchfells, nichts! Seelenruhig tauchen wir nach ein paar kurzen Minuten wieder auf. Anna erklärt, in jeder Phase wird der Körper ein stückweit mehr an seine Grenzen gebracht, die sich aber mit jedem Training etwas mehr nach hinten verschieben. Am Ende verschmelzen die Grenzen zwischen gelöst sein und dem Drang zu atmen.

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Phasenweises Lernen ist bei Apnoe-Tauchen sehr wichtig! © Torsten Goltz Photography / katrin-lars.net
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Apnoe-Tauchen muss gelernt sein – Übungsphasen sind ein wichtiger Bestandteil. © Torsten Goltz Photography / katrin-lars.net
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Einfach treiben lassen und die Stille genießen. © Torsten Goltz Photography / katrin-lars.net

Sicherheit geht vor Abenteuerlust!

Wir fragen uns jedoch, wenn man den Atemreflex überwindet und einem lebenswichtigen Reflex bewusst “ausschaltet” wie erkennt der Taucher, der Körper, wann das Limit erreicht ist? Sie lacht und sagt: man wird nie ganz den Wunsch nach Atmen unterdrücken können, aber man lernt seine Grenzen kennen und weiß wann es Zeit zum Auftauchen ist. Auf Unfälle angesprochen, sagt sie, dass dieses Risiko in jedem Sport lauert. Meist passieren Unfälle auf Grund von geplatzten Gefäßen, weil der Körper für Belastungen dieser Art, Vorfällen in der Tiefe, eigentlich nicht geschaffen ist. Oder Selbstüberschätzung, wenn man seine Grenzen und die Signale des Körpers missachtet. Und sie ermahnt das man NIEMALS alleine tauchen sollte, wobei es völlig egal ist ob mit Geräten oder ohne. Sie habe schon einige tolle Kollegen verloren, weil diese nur mal eben allein abgetaucht sind. Wir wollen noch wissen wie sie ihren Sport finanziert, da die heimische Ostsee auf Grund der niedrigen Temperaturen kaum für diesen Extremsport geeignet zu sein scheint. Als Rekordhalterin freut sie sich über einen Sponsor in dieser Randsportart, der einen Teil ihrer Ausgaben deckt. Aber eben nur einen Teil, den Rest finanziert sie selbst. Sie hat einen hübschen kleinen Buchladen der ihr ein Einkommen sichert. Den sollten wir uns auch mal ansehen! 😀

Wir tauchen ein letztes Mal gemeinsam ab, bleiben noch länger Unterwasser und so langsam können wir die Sehnsucht von Anna von Boetticher nachvollziehen. Es ist diese unfassbare Ruhe mit sich selbst, der Kopf ist vom hier und jetzt befreit und man verfällt dieser eindrucksvollen Stille und Gelassenheit. Ein letztes Mal versuchen wir mit ihr Unterwasser auf einer Kante zu sitzen. Uns gelingt es nicht auf Anhieb. Irgendwann klappt es für einen Augenblick. Wir sind entspannt und das Einzige was fehlt sind bunte Fische die uns mit ins Paradies nehmen. 🐠 🐟

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Fehlen nur noch die bunten Fische! 🐠 🐟 © Torsten Goltz Photography / katrin-lars.net

Wer jetzt Lust auf Ausprobieren hat, sollte mal bei der Tauchzentrale Berlin vorbeischauen. Diese bietet u.a. Apnoe-Schnupperkurse ab 45 EUR p.P. an. Probiert es mal aus! Wir danken Anne für die tollen Erfahrungen und ihre Geduld mit uns Anfängern.

Tauchzentrale Berlin

Ohlauer Str. 5-11, 10999 Berlin

Mo-Fr 10:00 – 19:00 Uhr; Sa 10:00 – 14:00 Uhr

Tel.: 030 8515160

© Titelbild: Torsten Goltz Photography / katrin-lars.net; Bild 1-5: Torsten Goltz Photography / katrin-lars.net

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Katrin & Lars

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